Privatissimé mit Fritz Nöpel, 7. Dan Goju-Ryu

Auch 1999 startete unter Federführung von Hatsuun Jindo-Referent Jörg Kopka der traditionelle Lehrgang mit Fritz Nöpel, dem Vater des deutschen Goju-Ryu-Karate. Im stets kleinen Rahmen unterrichtet Fritz mit deutlichem Selbstverteidigungs-Schwerpunkt - ein Erlebnis, hier geschildert von einer Teilnehmerin aus der 1. Karate-AG Kölner Schulen - der Schriftstellerin Andrea Klasen (wer möchte, kann ihr hier eine eMail schicken):

 

Die sanfte Art zu töten


Wie begrüße ich einen Meister?

Das war die Frage, die ich mir seit dem Tag stellte, an dem angekündigt worden war, daß Fritz Nöpel in unser Dojo nach Köln kommen sollte. Dem Infozettel konnte ich Angaben entnehmen, die auf einen wahren Kampfkünstler schließen ließen: Nöpel Sensei ist Japanexperte, hat bei Kisaki gelernt, einem Schüler Miyagis, dem Begründer des Goju-Ryu-Karate, besitzt den 7. Dan und hat das Goju-Ryu nach Deutschland gebracht.

Wie also trete ich einem solchen Sensei gegenüber, wenn ich die frühe S-Bahn nehme, noch keiner von den anderen Karateka da ist, und ich ihm im rechteckigen Dojo mutterseelenallein begegne?

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Fritz Nöpel, links, mit Hatsuun Jindo-Referent Jörg Kopka

Nun muß ich dazu sagen, daß ich von einem Erlebnis aus meiner Jugendzeit, dieses Problem betreffend, stark geprägt bin: Ich hatte damals folgendes erlebt, was mich in Konflikt mit der Etikette gebracht hatte: Im Reitstall hatte ich mich mit einer echten Prinzessin angefreundet, die mir eines Tages ihre Reitstiefel verkaufen wollte und mich zwecks Anprobe auf ihr Schloß im Nachbarort einlud. Das Anwesen war prächtig und in ihrer Gegenwart fühlte ich mich halbwegs sicher in den weiten Räumen des Hauses, doch plagte mich die Angst vor der Begegnung mit ihrer Mutter, die sich zu dieser Zeit auch im Schloß aufhielt, was meine Freundin beiläufig erwähnte, als wir zum Familiensitz fuhren.

Ihre Mutter war die Tochter eines skandinavischen Königshauses, und ich wußte beim besten Willen nicht, wie ich sie begrüßen sollte, wenn sie denn vor mir stände.Ihr in die Augen schauen und mit sanftem Druck die Hand geben? Oder den Augenkontakt lieber meiden und stattdessen einen Hofknicks machen und etwas von "Ihrer Durchlaucht" murmeln, oder sagte man "meine Majestät" ?! Aber das galt doch nur bei Königinnen, oder nicht?

Meine Freundin wollte ich auch nicht fragen, stattdessen hoffte ich, daß ich schnell wieder auf der anderen Seite der Schloßmauern sein würde. Doch gerade, als ich allein im Treppenhausgewölbe stand und die viel zu großen Stiefel wieder ausgezogen hatte, hörte ich Schritte auf der kilometerlangen, verschlungenen und breiten Marmortreppe, und im nächsten Moment nahm eine hochgewachsene, elegante Frau mit ungewöhnlicher Frisur Kurs auf mich: Das war ihre Mutter. Was sollte ich tun? Ich wich vor Schreck einen halben Meter zurück, bekam einen Schweißausbruch, sah ihr in die tintenblauen Augen, die ich noch heute als "königlich" bezeichnen würde, machte einen provisorischen Hofknicks, streckte ihr meine linke Hand entgegen und sagte:"Tach!"

Sie lächelte, fragte, ob die Stiefel passen würden und verschwand mit wehenden Kleidern in einem der Nebenräume. Ich war völlig durcheinander und stolperte mit der inzwischen wieder aufgetauchten Prinzessin ins Freie, wo wir dann noch eine Weile mit den Hunden spielten.

Diese Geschichte fiel mir also ein, während ich meinen Gi faltete, in die Sporttasche legte, und mich dazu entschloß, die spätere Bahn zu nehmen, um nicht noch einmal vor lauter Ehrfurcht in alle möglichen Fettnäpfe zu treten.

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Fritz Nöpel erläutert Hebeltechniken.
Links im Bild: Deutscher Meister Markus Gutzmer mit Hatsuun Jindo-Referent Heero Miketta

Als ich ankam, waren schon fast alle anderen dort, und ich mischte mich schnell unter die anderen Karateka. Während wir uns umzogen, trat ein schon älterer Mann in die Umkleidekabine und rief laut und fröhlich "Hallo" in die Menge. Als er an mir vorbeiging, blickte ich in ein Paar stahlblauer Augen und sagte mit dünner Stimme und verwirrtem Geist: "Guten Tag", bevor ich noch einmal in meine Tafel Schokolade biß.

Das war er also, und ich hatte die Begrüßung unauffällig überstanden. Als wir dann vor Beginn des Lehrgangs alle im Dojo standen, war ich völlig verwundert und angenehm überrascht, als er sich die Mühe machte, und jedem Anwesenden persönlich die Hand schüttelte. Meine Bedenken waren also völlig überflüssig gewesen. Dann endlich folgte die eigentliche Begrüßungsetikette im Dojo, deren Form mir vertraut war, und ich entspannte mich zusehens.

Nöpel Sensei begann sein Seminar mit einer geschichtlich-theoretischen Einführung, die interessante Aspekte des Karate-do beinhaltete. Als Japankenner und Danträger vermittelte er uns spannend verpackt sein Wissen über die fernöstliche Kampfkunst und Lebenshaltung.

So erläuterte er etwa die Unterscheidung der Nordschule und der Südschule, die sich nach der Zerstörung des Shaolinklosters im 16.Jahrhundert herauskristallisiert hatten.

Die Nordschule, die sich im Norden Chinas entwickelte, nennt sich Wai Jia, was man mit "Bein des Nordens" übersetzen könnte. Die Beine der Menschen waren in der Tat mit die wichtigsten Körperteile im täglichen Lebenskampf. Der Norden Chinas zeichnet sich durch weitflächige Räume aus, in denen große Entfernungen zu Fuß und zu Pferd zurückgelegt werden mußten. Feinde konnte man auf weite Sicht hin erkennen, und die Menschen dort entwickelten einen an ihre Landschaft angepaßten Kampfstil mit vielen Beintechniken, Ausweichbewegungen, Tritten, weiten Armtechniken, Sprüngen, schnellen Stoß- und Schlagtechniken und festen Ständen.

Die Menschen im Süden widerrum kämpften mit ganz anderen geographischen Bedingungen. Die Landbevölkerung arbeitete auf Reisfeldern und verbrachte somit einen Teil ihres Lebens im Wasser. Wurden sie dort angegriffen, konnten sie mit Beintechniken nicht viel ausrichten. Sie mußten sich auf Techniken mit dem Oberkörper spezialisieren. Ihr Kampfstil Nai Jia, ("Faust des Südens") zeichnete sich durch kreisförmige, kurze Armtechniken aus, wobei die Arme aufgrund des eingeschränkten Sichtfeldes in diesen Feldern stets angewinkelt waren, um schnell reagieren zu können, wenn es zum plötzlichen Nahkampf kam. Es wurde mit offener Hand gekämpft bei einem festen, kurzen Stand.

In diesem Zusammenhang kann man auch den Begriff der "äußeren, harten Schule" für den nördlichen Stil verwenden, der eng an die Lehre des Shaolin anzusiedeln ist, und den Begriff der "inneren, weichen Schule", die eben für den Süden charakteristisch war. Die Kampfkunst des Goju-Ryu trägt viele südliche Stilelemente in sich.

Nach diesem geschichtlichen Abriß und der Stileinordnung kam Fritz Nöpel auf die Atemi, die Stimulierungspunkte des menschlichen Körpers zu sprechen, die man, wie er betonte sehr genau kennen sollte, um sie beim Gegner zu bekämpfen, und bei sich selbst zu schützen.

Insgesamt 36 Körperstellen stellte uns der Sensei vor, die im Kampf Ziel sein sollten, um den Gegner zu töten, schwerwiegend zu verletzen oder kampfunfähig zu machen.

Er betonte dabei, daß die Bauchgegend zwischen Solarplexus und Nabel aufgrund der dort zahlreich vorhandenen Muskeln keine sehr gute Stelle für einen vernichtenden Konter wäre, und nannte stattdessen weitaus empfindlichere Körperpunkte wie etwa den gesamten Kopfbereich, das Herz, die Schlüsselbeine, die verschiedenen Rippenbögen und den Genitalbereich. Nach diesem theoretischen Exkurs dann durfte man das vermittelte Wissen beim Kumite "ausprobieren".

Besonders die Abwehrtechniken zeigten jenen kreisförmigen Stil, der dem Goju-Ryu so eigen ist. Mit fließenden Techniken, die häufig Kreise beschreiben und in einer Art Dreierrhythmus ausgeführt werden, werden Angriffe abgewehrt. Die Konter beschränken sich nicht nur auf eine einzige Technik, sondern auf eine Kombination von Tritten und Armtechniken, um den Gegner außer Gefecht zu setzen. Als eine besonders effektive Abwehrtechnik stellte sich der O-Age-Uke heraus, der mit gestrecktem geradem Arm gegnerische Angriffe zum Kopf hin abwehrt, und die Kraft des Gegners zur Seite ableitet.

Fritz Nöpel appellierte beim Üben immer wieder an feste Stände und einen nicht zu großen Abstand zum Gegner. Den Nahkampf dürfe man keinesfalls fürchten

In diesem Zusammenhang kam der Sensei auch auf die Situation einer Selbstverteidigung zu sprechen. Er stellte mit einem Partner Angriffssituationen nach, und zeigte verschiedene Reaktionsmöglichkeiten in gefährlichen Situationen. Den defensiven Charakter des Karate suchte er manches Mal zu relativieren, und ermutigte dazu, in brenzligen Lagen dem Angreifer mit einem gezielten Angriff zuvorzukommen, wenn dieser den natürlichen Körperabstand überschreite und man sich bereits durch die Gebärde des Gegners provoziert fühle.

Im Anschluß daran, führte er Beispiele aus dem Kampfverhalten von Tieren an, die sich auch auf das Kampfverhalten der Menschen im Randori übertragen ließen. So kann man in einer groben Einteilung zwischen dem Stil des Tigers, des Drachens und dem des Büffels unterscheiden.

Der Tiger kämpft mit dem Herzen, er ist ein leidenschaftlicher Kämpfer, der gradlinig und kraftvoll kämpft, und direkt zum Angriff übergeht. Ein Karateka, der gern den Kampf eröffnet und führt, kämpft im Stil des Tigers.

Menschen, die ein defensiveres Kampfverhalten zeigen, sind dem Drachen sehr ähnlich, der beherrscht und mit dem Kopf kämpft und weniger impulsiv ist als der Tiger. Der Drachenmensch wartet ab, kontert jedoch überlegt und strategisch.

Als letzten Tiervergleich führte Nöpel den mit dem Büffel an. Der Büffel wartet mehrere Angriffe des Gegners ab, ehe er zur Verteidigung ansetzt, die dann zumeist absolut vernichtend für sein Gegenüber ausfällt. Ihn bekämpft er mit bedingungsloser Konsequenz.

Beim Freikampf könne man schon nach kürzester Zeit feststellen, in welchem Stil ein Karateka kämpft, so Nöpel. Doch ganz gleich, ob man mit der kraftvollen Geschmeidigkeit eines Tigers, der taktischen Kühle eines Drachen oder der abwartenden Skepsis des Büffels kämpft, das Herz eines wahren Kampfkünstlers schlägt bei allen an der selben Stelle, es schlägt im Hara.

Anatomisch gesehen befindet sich das Hara zwischen Magen und Unterleib, psychisch gesehen ist Hara das Zentrum geistiger und körperlicher Kraft, aus dem heraus Haltung, Atmung und Spannung entstehen. Es stellt den körperlichen Schwerpunkt dar, im geistigen Sinne die Mitte des Menschen.

Nöpel Sensei wies in diesem Zusammenhang auf den Ausdruck des "Menschen, der mit dem Bauch kämpft" hin, bei dem sich Kraft, Harmonie und Ausgeglichenheit aus der Körpermitte heraus entwickeln. Noch viele Stunden mehr hätte man Fritz Nöpel zuhören können, wenn er über die Seele der Kampfkunst philosophierte und einen ermutigte, den Do mit Aufrichtigkeit und Mut weiterzugehen.

Doch auch dieser Tag ging zu Ende, und was blieb war die Vorfreude, den nicht dabeigewesenen Partner beim nächsten Randori mit den gelernten Techniken zu überraschen. Für jeden Karateka war dieser Lehrgang ein Genuß, auf den man sich im nächsten Jahr schon wieder freuen kann.

Zum Schluß noch einen Tip: Habt keine Berührungsängste mit Fritz Nöpel, er hat eine erfrischend unkomplizierte Art. Und noch etwas: Der Sensei kennt den Weg...

 


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